Was braucht es für ein effektives und motivierendes Koordinationstraining im Studio?

Unter den motorischen Fähigkeiten spielt die Koordination eine zentrale Rolle. Sie beeinflusst die ökonomische Umsetzung der Kraftfähigkeit, der Beweglichkeit, der Ausdauer und der Schnelligkeit. Warum steht eine so wichtige physiologische Eigenschaft nicht viel stärker im Rampenlicht und welchen Stellenwert hat Koordinationstraining in Fitness- und Gesundheitsstudios? Höchste Zeit, das überaus komplexe Thema der Bewegungskoordination genauer zu betrachten und ihr Potenzial für die Branche auf den Prüfstand zu stellen.

Propriozeptives Training in der Praxis

Die körperliche Leistungsfähigkeit des Menschen wird von den motorischen Fähigkeiten Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit, Beweglichkeit und Koordination bestimmt. Diese motorischen Grundeigenschaften stehen in wechselseitiger Beziehung zueinander und sind bei spezifischen Anforderungen im Sport meist in Kombination (z. B. Kraft und Ausdauer) gefordert.

Alle motorischen Fähigkeiten können durch Training verbessert werden.

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Die Schaltstelle der körperlichen Leistungsfähigkeit

Der Begriff „Koordination“ beschreibt das Zusammenwirken der Sinnesorgane, des Nervensystems und der Skelettmuskulatur innerhalb von Bewegungsabläufen.

Die motorische Fähigkeit Koordination hat beim Erlernen, Steuern und Anpassen von Bewegungen eine zentrale Bedeutung. Je stärker die koordinativen Fähigkeiten ausgeprägt sind, desto präziser, direkter und ökonomischer können Bewegungsabläufe ausgeführt werden.

Die Koordination wird bei jeder Bewegung gefordert – wobei das Ausmaß je nach Bewegung variiert –, auch wenn andere Trainingsziele, wie z. B. die Verbesserung der Kraft oder der Ausdauer, im Vordergrund stehen.

Koordinative Fähigkeiten

Koordinative Fähigkeiten bestimmen die motorische Fähigkeit Koordination. Sie kennzeichnen das Vermögen eines Menschen, verschiedene Impulse innerhalb eines Bewegungsablaufs räumlich und zeitlich sowie hinsichtlich ihrer Intensität und ihres Umfangs aufeinander abzustimmen und die entsprechenden Muskeln anzusteuern.


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In der Trainingslehre werden sieben koordinative Fähigkeiten unterschieden. Diese sind die Grundlage dafür, Bewegungen und Haltungen erlernen und in verschiedenen Situationen anwenden zu können, ohne dabei die Gelenk- oder Körperstabilität zu verlieren:

  • Kinästhetische Differenzierungsfähigkeit (Feinabstimmung des Bewegungsablaufes)
  • Reaktionsfähigkeit
  • Kopplungsfähigkeit (Feinabstimmung mit anderen Bewegungen)
  • Orientierungsfähigkeit
  • Gleichgewichtsfähigkeit
  • Umstellungsfähigkeit (Anpassung an Veränderungen)
  • Rhythmisierungsfähigkeit

Einzelne koordinative Fähigkeiten allein bestimmen nicht die sportliche Leistung. Das Gesamtpaket aus allen sieben Bestandteilen muss stimmen. Die Verflechtung der koordinativen Fähigkeiten untereinander wird vom menschlichen Körper sehr fein austariert – je nach Sportart oder einzelner Bewegung sind andere Schwerpunkte gefragt.

Ein Tischtennisspieler braucht eine größere Portion Reaktionsfähigkeit, eine Fußballerin eher Differenzierungs-, Kopplungs- und Umstellungsfähigkeit, die Turnerin auf dem Schwebebalken benötigt insbesondere Orientierungs- und Gleichgewichtsfähigkeit.

Informationsaufnahme und -verarbeitung

Für die sportliche Praxis ist es wichtig zu wissen, welche Sinne und welche Rezeptoren an der Steuerung dieser sportlichen und alltagstypischen Handlungen beteiligt sind. In der Trainingswissenschaft spricht man in diesem Zusammenhang von Analysatoren und versteht darunter Teilsysteme der Informationsaufnahme und -verarbeitung (Sensorik).

Sie empfangen Informationen auf der Grundlage von Signalen – z. B. optisch, akustisch –, leiten diese weiter und verarbeiten sie.

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Für die motorische Koordination sind vor allem fünf Analysatoren verantwortlich (Chwilkowski, 2006, S. 58–59):

  • der kinästhetische Analysator
  • der statico-dynamische Analysator
  • der taktile Analysator
  • der optische Analysator
  • der akustische Analysator

Speziell den kinästhetischen Sinnesorganen – den Propriozeptoren – kommt bei der Bewegungskoordination eine große Bedeutung zu, da sie direkt in den Bewegungsorganen platziert sind und dadurch jeden Bewegungsvorgang unmittelbar analysieren können.

Der kinästhetische Analysator und die Propriozeptoren

Kinästhetik kann auch als Bewegungsempfindung oder Tiefensensibilität beschrieben werden. Anatomisch gesehen ist der kinästhetische Analysator ein differenziertes, weit verzweigtes Gebilde. Seine Rezeptoren, die sogenannten Propriozeptoren, finden sich in allen Muskeln, Sehnen und Gelenken des menschlichen Bewegungssystems und können dadurch jeden Bewegungsvorgang unmittelbar analysieren.

Seine Leitungsbahnen, die sensiblen Nervenfasern, übermitteln dem zentralen Nervensystem die aufgenommenen Signale.

Propriozeptives Training

Propriozeption ist ein Teilaspekt der motorischen Fähigkeit Koordination. Ein Koordinationstraining im weiteren Sinne umfasst alle Ebenen der Motorik, also neben der Tiefensensibilität und reflektorischen Stabilisationsfähigkeit auch die bewusste Ausführung komplexer Bewegungsmuster. Ein propriozeptives Training fordert und schult die Tiefensensibilität, also einen Teilaspekt der Gesamtkoordination.

Die Propriozeption umfasst die Gleichgewichtsfähigkeit sowie die Anpassungs- und Reaktionsfähigkeit (Häfelinger & Schuba, 2007, S. 21). Sie bildet die Grundlage der motorischen Kontrolle im Allgemeinen und der reaktiven Stabilisationsfähigkeit im Speziellen.


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Das Ziel des Trainings der Propriozeption liegt also darin, die Tiefensensibilisierung sowie die daraus resultierende reflektorische Stabilisationsfähigkeit der Muskelaktivität positiv zu beeinflussen.

Einsatzbereiche eines propriozeptiven Trainings:

  • Koordinationsschulung
  • Haltungs- und Rückenschule
  • Gleichgewichtstraining bei Osteoporose
  • Gleichgewichtstraining bei neurologischen Erkrankungen
  • Therapie von Gelenkerkrankungen
  • Sporttherapie und rehabilitatives Training

Zielgruppen

Im Leistungssport ist das propriozeptive Training längst angekommen. Sportler:innen werden darin geschult, auf Reize mit einer schnellen Reflexantwort zu reagieren und somit Verletzungen zu vermeiden.

Im Fuß- oder Handball kann durch gut geschulte Reflexe z. B. bei der Landung nach einem Sprung ein Umknicken verhindert werden. Im Kampfsport kann z. B. nach einer Störaktion des:der Gegner:in das Gleichgewicht gehalten werden.

Propriozeptives Training ist grundsätzlich nicht nur für Sportler:innen, sondern für Menschen aller Altersgruppen und sämtlicher Trainingslevel geeignet, die sich mehr Kraft, Beweglichkeit und Schnelligkeit wünschen und nicht zuletzt Verletzungen vorbeugen möchten.

Insbesondere für Senior:innen und Menschen mit Gangunsicherheiten ist das Training der Propriozeptoren ein entscheidender Baustein zur Sturzprophylaxe.

fMi-Autor Marlon Kreis beschreibt in seinem Artikel „Theoretischer Hintergrund zu propriozeptivem Training“, dass insgesamt 26 Studien, die die Effekte des aktiven Beweglichkeits- und Gleichgewichtstrainings untersucht haben, ein beeindruckendes Ergebnis von durchschnittlich 37 Prozent Verbesserung bei der Gleichgewichtsfähigkeit ermitteln konnten.

Erfolgreiche Trainingsform?

Wie steht es um den Status des Trainings der motorischen Fähigkeit Koordination in der Fitness- und Gesundheitsbranche? In der Ergo- und Physiotherapie sowie in der Rehabilitation gehört es zum festen Repertoire – meist in Form von propriozeptivem Training.

In der Fitness- und Gesundheitsbranche steckt das Training der Bewegungskoordination noch in den Kinderschuhen.

Das Manko der Koordination: Sie ist schwer messbar. Eine verbesserte Koordination wird als bewegtes Gewicht beim Krafttraining sichtbar, in Winkelmaßen bei der Beweglichkeit, in Zeiteinheiten bei der Schnelligkeit und in Metern bei der Ausdauer – für ein eigenständiges Trainingsregime fehlt die geeignete individuelle Maßeinheit, um Trainingsfortschritte nachvollziehbar dokumentieren zu können.

Als spezielle Form des Trainings der Bewegungskoordination ist propriozeptives Training für die Physiotherapie sowie auch für Fitness- und Gesundheitsstudios nicht nur aufgrund seiner Effektivität besonders geeignet, sondern vor allem, weil es auf kleinem Raum und mit nur wenigen Hilfsmitteln oder sogar ohne durchgeführt werden kann.

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Hier liegt aber u. U. ein weiterer „Hemmschuh“ für den Erfolg des Trainingsprinzips: Kleingeräte und therapieähnlich anmutende Trainingsformen sind nicht besonders „lifestylig“. Trainierende kommen eher im Ausnahmefall selbst auf die Idee, propriozeptive Elemente in ihre Trainingsroutine zu integrieren. Hier sind die Studios gefragt – insbesondere die Trainer:innen und ihre fachlich-pädagogische Qualifikation.

Kreativität ist gefragt

Um das Potenzial des propriozeptiven Trainings auszuschöpfen, müssen Trainer:innen in der Betreuung kreativ werden. Kleingeräte können partiell für spezifische Übungen in jeden neuen Trainingsplan eingebaut werden.

So werden z. B. auch ambitionierte Trainierende schnell merken, wie viel stärker es ihre Körper fordert, wenn sie sich beim Brusttraining am doppelten Kabelzug zur Abwechslung auf ein Balancekissen stellen und nur mit einem Drittel ihres üblichen Trainingsgewichtes arbeiten.

Auch kann in den neuen Trainingsplan anstatt des höheren Gewichtes zunächst ein Balancekissen auf die Fußplatte der Beinpresse gesetzt werden. Der intensive und tiefliegende Muskelkater macht Propriozeption auch für fortgeschrittene Fitnesssportler:innen attraktiv.

Propriozeptives Training in der Studiopraxis

Wie lässt sich propriozeptives Training erfolgreich in den Studiobetrieb und in die Trainingsprogramme möglichst vieler Mitglieder integrieren? fitness MANAGEMENT hat darüber mit Barbara Lohse gesprochen. Sie ist Produktchefin bei PRIME TIME fitness und hat in allen Studios der Kette propriozeptives Training erfolgreich in das Trainingsangebot integriert.


Literaturliste

Chwilkowski, C. (2006). Medizinisches Koordinationstraining: Verbesserung der Haltungs- und Bewegungskoordination durch Propriozeption (S. 58–59). Köln. Dt. Trainer Verlag.
Häfelinger, U., Schuba, V. (2009). Koordinationstherapie: propriozeptives Training (S. 21). Aachen. Meyer & Meyer.

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