„Wir müssen vor die Welle kommen“

Schauen wir zunächst einmal auf die Bilanz des letzten Jahres im Bereich Wohngebäude. Was können Sie da berichten?

Schumacher: Als Versicherungsanbieter mit dem Schwerpunkt Wohngebäudeversicherung waren wir in ganz starkem Maße von den Ereignissen beispielsweise im Ahrtal betroffen. Es war in unserer Firmenhistorie das größte Schadenereignis, das wir zu beklagen haben. Wir hatten im Elementarbereich insgesamt rund 3.500 Schäden, die wir reguliert haben, beziehungsweise teilweise nach wie vor noch regulieren. Insofern war das Jahr 2021 geradezu eine Zäsur im Bereich der Wohngebäudeversicherung.

Neuhalfen: 2021 war in der Tat ein einschneidendes Jahr, denn so-wohl die Schwere als auch die Vielzahl an großen Schäden gab es so noch nie. Dennoch fällt unsere Bilanz durchaus positiv aus. Die Assekuranz scheint wirklich robust zu sein. Viele Schäden sind abgearbeitet, manche noch nicht. Das liegt auch daran, dass die Wiederherstellung selbst ein Problem darstellt. Aber das ist ein separa-tes Thema. 

Schmidt-Spaniol: Wir haben die Wetterereignisse im vergangenen Versicherungsjahr weniger gespürt, da wir die Wohngebäudeversicherung erst sehr spät an den Markt gebracht haben; folglich war das Risiko für uns diesbezüglich noch ein Stück weit gestreut. Im Bereich der Hausratversicherung haben wir sie dagegen deutlich gemerkt, sodass 2021 durchaus ein außergewöhnliches Jahr war. Auf der einen Seite haben uns Themen wie die genannten Unwetter, der Diesel-Skandal und die Coronavirus-Pandemie stark beschäftigt. Andererseits hatten wir als Digitalversicherer im Aufbau, das in einen großen Konzern eingebettet ist, auch die Gelegenheit, an diesen Prozessherausforderungen zu wachsen.  

Mit welchen Problemen hatten Sie als Versicherer zu kämpfen? 

Neuhalfen: Das entscheidende Problem ist die Verfügbarkeit von Mitteln, die benötigt werden, um die Schäden schnell und gut zu regulieren. Alle Versicherer hatten und haben gleichzeitig dieselben Probleme. Nachgefragt waren besonders Trocknungsgeräte und Räumgerät. In der Rückschau betrachtet, sind wir ganz gut durchgekommen, weil wir relativ gut vorbereitet waren. Wir haben unsere Sachverständigen und auch die Dienstleister europaweit eingeschaltet. In Deutschland waren wir nur durch das Ahrtal und im Berchtesgadener Land betroffen, aber die Dienstleister sind teilweise europaweit aufgestellt. Und wir haben tatsächlich Trocknungsgeräte aus Dänemark und Polen einfliegen lassen, damit diese relativ schnell ins Ahrtal kommen.

Schumacher: Das kann ich bestätigten. Die hohen Schadenzahlen und -volumina waren unvergleichlich zu den Vorjahren. Wir hatten nicht nur runtergefallene Dachziegel zu ersetzen, sondern ganze Häuser, die einfach weggeschwemmt wurden und zuweilen mit anderen Häusern kollidiert sind. Das sind relativ teure Einzelfälle, wenn man sich die Durchschnittskosten ansieht, die wir gemeinhin bei Wohngebäudeschäden haben. Die GDV-Werte liegen bei etwa 2.000 Euro. Dieses Mal haben wir Schadendurchschnittswerte gehabt, die ungefähr zehnmal so hoch waren. Teilweise auch höher.  

Schmidt-Spaniol: Im Bereich Hausrat und Wohngebäude hatten wir sehr unterschiedliche Schäden. Manche Versicherte hatten keine Elementarbausteine versichert, wodurch ihre Sorge, wie es weitergeht, noch stärker in den Fokus gerückt ist. Zudem hat uns die infrastrukturelle Thematik bei Adam Riese herausgefordert, weil wir sehr schnell mit sehr vielen Anfragen konfrontiert waren. Das hat zu einer großen Kreativität geführt. In dieser Zeit haben wir mit vielen Maklerinnen und Maklern gesprochen und sie tatkräftig bei der Regulierung der Schadenfälle unterstützt. Bis auf wenige Fälle, für die die Schadensbearbeitung noch läuft, sind alle abgearbeitet. Die Ereignisse in 2021 haben uns für die Zukunft gezeigt, die Prozesse so aufzusetzen, dass bessere standardisierte Reaktionen auf solche Vorkommnisse möglich sind.

Michael Neuhalfen, Alte Leipziger: „Es gibt keine Verzögerungstaktik.“

Stichwort Regulierungsstau. Immer wieder gibt es die Kritik, Versicherer verzögerten die Schadenregulierung. Gibt es eine Verzögerungstaktik?

Schumacher: Für die Mehrheit der Versicherer gilt sicherlich das Gleiche wie für uns: Wir haben ungefähr 70 Prozent unserer Schä-den final geregelt. Umgekehrt, kann man sagen, es sind immer noch 30 Prozent offen, was eine relativ große Zahl ist. Aber das liegt primär an den Rahmenbedingungen. So ist es beispielsweise nicht leicht, den Gutachter zum vierten Mal an den Schadensort zu bekommen, um regulieren zu können. Teilweise stehen auch keine Handwerker zur Verfügung oder es gibt gewisse Abhängigkeiten, die beim Wiederaufbau zu berücksichtigen sind. Wir können uns als Branche insgesamt nichts vorwerfen und haben relativ schnell und auch großzügig, etwa mit Vorschusszahlungen, gearbeitet.  

Neuhalfen: Es gibt keine Verzögerungstaktik. Im Gegenteil, ich glaube, alle wären froh, wenn es schneller gehen würde. Aber woran hängt es denn? Reguliert werden kann dann, wenn eine Rechnung vorliegt. Die Rechnung kommt vom Handwerker, vom Sachverständigen. Wenn der aber keine Rechnung stellt, verzögert es sich. Das ist für viele Kunden schwer zu verstehen, aber es ist tatsächlich so, wir würden gerne schneller sein. Und ganz entscheidend greift auch das Thema Inflation aktuell in diesen Prozess ein. Beispielsweise gibt es ein Angebot des Bauhandwerkers von Oktober 2021, also zirka sechs Monate nach dem Schaden. Wenn der Schaden jetzt behoben werden soll, heißt es nur allzu oft: „Nein, für das Geld machen wir das nicht mehr, dafür gibt es nur noch die Hälfte an Baustoffen.“ Es braucht also ein neues Angebot und die ganze Prozedur beginnt erneut und verzögert die Schadenregulierung weiter.

Schmidt-Spaniol: Das kann ich nur unterstreichen. Aus meiner Sicht sind es die Prozessketten, die ineinandergreifen müssen, was sie derzeit noch nicht immer tun. Hier wird nicht verzögert; das Gegenteil ist der Fall. Wir sind schnell und das Feedback aus der Maklerschaft ist durchweg positiv und zeugt von einer sehr hohen Zufriedenheit mit der Regulierung.

Wie beurteilen Sie die Überlegungen des Gesetzgebers für eine Versicherungspflicht im Bereich Wohngebäudeabsicherung?

Schmidt-Spaniol: Betrachten wir die Geschehnisse im Ahrtal, lässt sich feststellen, dass nicht viele Elementarschäden versichert waren. Der Bedarf ist also da, wurde aber offensichtlich nicht erkannt. Es muss ein Hinweissystem geben, das deutlich macht, ob eine Region besonders gefährdet ist. Es ist durchaus fraglich, ob die Einführung einer Versicherungspflicht zielführend ist. Schließlich gibt es nach wie vor den Kollektivgedanken und es stellt sich die Frage, welche Auswirkungen eine Pflicht zur Versicherung auf die Prämien und den Markt hätte.  

Schumacher: Ich würde dem beipflichten und spreche mich klar gegen eine Pflichtversicherung aus, auch wenn es zunächst nach ei-ner Wohlfühllösung aussieht. Zielführender ist für mich, dass sich der Versicherungsnehmer im Klaren darüber sein muss, welchen Risiken er ausgesetzt ist und wie wichtig eine Absicherung gegen Elementargefahren ist. Der Vermittler ist hier in der Pflicht, die Kunden entsprechend zu beraten. Vor zwei, drei Jahren hatten wir 70 Prozent Elementarabdeckung im Bestand. Seit dem letzten Jahr ist diese Quote auf über 80 Prozent gestiegen. Seit fast zwei Jahren bieten wir bundesweit sogar eine Risi-kodeckung für überschwemmungsgefährdete Immobilien in ZÜRS 4 und ZÜRS 3 an. Das sind natürlich Prämien, die nicht auf dem Durchschnittsniveau der Wohngebäudeversicherung liegen. Für einen ZÜRS-4-Vertrag beispiels-weise kann der Jahresbeitrag bei 1.500 Euro liegen, allerdings mit einer Selbstbeteiligung von 10.000 oder 15.000 Euro. Das mag auf den ersten Blick viel Geld sein. Es relativiert sich aber, wenn man bedenkt, dass das Haus einen Wert von 200.000 oder 300.000 Euro hat.

Neuhalfen: ZÜRS-3- und ZÜRS-4-Risiken zu versichern, ist eher eine akademische Diskussion und führt in eine falsche Richtung. Denn es betrifft nur knapp zwei Prozent aller Objekte in Deutschland. Ob man die versichert oder nicht, ist für den Betroffenen ganz bestimmt ein Argument, allerdings nicht für das Kollektiv. Ich halte es für viel wichtiger, ZÜRS 1 und ZÜRS 2 zu versichern. Das sind über 90 Prozent aller Objekte hierzulande. Die müssen sich versichern können. Und sie können es schon seit Jahren. Es ist aber eine individuelle Abwägung gewesen, und wir haben in Deutschland Vertragsfreiheit. Und das sollte bei der Absicherung von Wohngebäuden auch so bleiben. Deshalb halte auch ich nichts von einer Zwangsversicherung, denn sie produziert nur Probleme. Zum einen ist es nur eine Scheinsicherheit. Denn die weiteren Fragen lauten doch: Wer zahlt es? Werden die Preise künstlich gedeckelt – wer zahlt dann die Differenz? Gibt es ein Staatszuschuss? Das sind wieder Steuergelder. Oder muss dann sozialisiert werden, sprich die ZÜRS-1-Risiken kosten plötzlich doppelt so viel, damit wir die ZÜRS-3-Risiken billiger machen können als nötig? Das sind grundsätzliche Fragen, über die niemand diskutiert. Wichtig ist aus meiner Sicht deutlich darauf hinzuweisen, dass es bezahlbaren Versicherungsschutz gibt, auch wenn er für eine höhere Absicherung zuweilen etwas mehr kostet. 

Uwe Schumacher, Domcura: „Ich spreche mich klar gegen eine Pflichtversicherung aus, auch wenn es zunächst nach einer Wohlfühllösung aussieht.“

Widmen wir uns nun einmal einem weiteren Wachstumssegment in der Sachversicherung, dem Rechtsschutz. Welchen Stellenwert hat das Thema bei Ihnen?

Schmidt-Spaniol: Bei uns ist die Sparte sehr stark. Wir haben einen großen Rechtsschutzabsatz, auch mit Blick auf unser Gesamtportfolio. Deshalb hat uns auch das Thema Diesel-Skandal in den letzten Jahren sehr beschäftigt. Rechtsschutzversicherungen sind für unsere Kundinnen und Kunden ein sehr wichtiges Produkt, das stellen wir beinahe täglich fest, denn schlussendlich schützt die Rechtsschutzversicherung sie vor hohen Kosten. Für uns ist die Herausforderung, das Kostenverhältnis dabei auszubalancieren: Zum einen können Versicherte sich vor Kosten schützen wollen, die aus einem persönlichen Streitgusto entstehen. Solche Versicherungsfälle sind oft kostspielig für uns und deshalb haben wir Mittel und Wege, um sie ein Stück weit zu steuern und Kosten des Kollektivs zu minimieren. Auf der anderen Seite kann es auch sein, dass Streit aus anderer Richtung aufkommt und unsere Kundinnen und Kunden Unterstützung benötigen, ihre Rechtsposition durchzusetzen. Ge-nau dann müssen wir auch für sie einstehen und sie bestmöglich unterstützen. Auch hier setzen wir ganz bestimmte Mittel ein, um die Kosten für Versicherte und Kollektiv aktiv zu managen. Das ist eine der Challenges, vor denen der Rechtsschutzvertrieb steht, aber auch in Zukunft wird die Rechtsschutzversicherung eine starke Säule für Adam Riese sein. 

Schumacher: Auch wir sind relativ stark im Rechtsschutz engagiert. Von daher ist das auch bei uns ein relativ großes Feld. Was den Stellenwert dieses Produktes angeht: Ich würde gerade als Assekuradeur unterscheiden zwischen den Sichtweisen, die einerseits der Risikoträger und andererseits der Vermittler auf das Thema Rechtsschutz hat. Für einen Versicherungsanbieter wie uns ist es kein einfaches Thema, weil die Sparte generell unter starkem finanziellem Druck im Hinblick auf das Verhältnis zwischen Aufwänden und Erlösen steht. Für Vermittler oder Kunden auf der anderen Seite stellt Rechtsschutz keine existenzielle Absicherung dar. Deshalb ist sie auch auf einer anderen Stufe als beispielsweise die Haftpflicht- oder eine Wohngebäudeversicherung zu sehen. Sie hat aber trotzdem ihre klare Berechtigung: Denn sie ist ja nicht nur nützlich, wenn man in einem größeren Streitfall Recht hat und das durchsetzen will. Sondern sie macht sich auch dann bezahlt, wenn jemand anderes einen juristisch belangt. In diesem Fall stellt eine Rechtsschutzversicherung zumindest sicher, dass neben dem Ärger nicht zusätzlich noch immense Kosten entstehen. 

Schmidt-Spaniol: Der Diesel-Skandal, für den wir relativ große Reserven gebildet haben, wird uns noch lange Zeit in Anspruch nehmen. Wir haben das in dieser Wucht tatsächlich nicht kommen sehen, denn die Rechtsschutzversicherung war noch eine sehr junge Sparte, als wir sie 2017 an den Markt gebracht haben. Dementspre-chend ist auch der Bestand im Verhältnis zum Gesamtportfolio sehr groß. Deshalb beschäftigt uns das in der Schadensbilanz durchaus. Prozessual gesehen ist auch die Regulierung komplex, denn die Konsortialklagen fordern uns als Digitalversicherer ganz anders heraus als herkömmliche Fälle, weil vieles manuell gesteuert wird. Das verursacht natürlich auch einen Kostendruck.

Stichwort: Mediation. Welche Bedeutung hat die Streitschichtung in der Rechtschutzversicherung?

Schmidt-Spaniol: Ich bin ein großer Fan davon, nicht zuletzt weil wir sehr gute Erfahrungen damit gemacht haben. Hierbei ist ergänzend das Thema Anwaltshotline zu erwähnen, welche im hohen Maße zur unkomplizierten Konfliktlösung beiträgt. Wir greifen dabei auf die Württembergische Versicherung zurück, die Juristinnen und Juristen beschäftigt. Diese sind darauf fokussiert, durch ein Kundengespräch und die damit einhergehende direkte Betreuung der Kundinnen und Kunden in Rechtsfragen auf die Streitenden einzuwirken. Damit kann häufig ein kostenintensiver Gerichtsprozess vermieden werden. Das kommt dann nicht nur dem oder der Einzelnen zugute, sondern auch dem Versicherungskollektiv. Unsere sehr online-affine Kundenklientel ist nicht abgeneigt, eher telefonische Rechtsberatung in Anspruch zu nehmen, bevor sie persönlich beim Anwalt sitzt. Deshalb glaube ich an das Konzept und bin auch der Meinung, dass es große Chancen birgt.

Schumacher: Nach unseren Erfahrungen gibt es zwei Aspekte. Die Anwaltshotline ist definitiv eine sehr positive Sache. Es ist immer sinnvoll, sich im Vorfeld eines möglichen Rechtsstreits beraten zu lassen, ob sich dieser lohnt oder nicht und wie man sich verhalten sollte. Das Thema Mediation begeistert mich ebenfalls, aber es wird von den Kunden leider nicht so angenommen. Es liegt vermutlich daran, dass eine versicherte Person, die mit dem Arbeitgeber oder Nachbarn ein gewisses Streit-Level erreicht hat, keine engagierten Diskussionen über den Gartenzaun oder im Büro des Chefs mehr führen, sondern das Ganze auf jeden Fall vor Gericht zu Ende bringen will. 

Vor welchen Herausforderungen steht die Rechtschutzsparte?

Schumacher: Das Segment muss beim Versicherten Anreize schaffen, Dinge anders zu regeln als ausschließlich über den Anwalt. Im Mittelpunkt sollte die Prozessvermeidung stehen. Dabei ist es aus meiner Sicht eher zweitrangig, ob das vor allem durch eine Anpassung der Selbstbeteiligung oder den Ausbau einer Anwaltshotline erreicht wird.

Schmidt-Spaniol: Da kann ich mich nur anschließen. Das Thema zu steuern und im Prinzip den Streitfall zu verhindern und dabei nah an der Kundin oder dem Kunden zu sein, ist die künftige Challenge in der Rechtschutzversicherung.

Marco Schmidt-Spaniol, Adam
Riese: „Bei uns ist die Sparte Rechtschutz sehr stark.“

Kommen wir einmal zum Megatrend Nachhaltigkeit, der mittlerweile nahezu alle Finanzsektoren betrifft und fordert. Welchen Stellenwert hat das Thema für die Sachsparte?

Schumacher: Im Bereich Wohngebäudeversicherung haben wir vor zwei Jahren als erster Anbieter Nachhaltigkeitsbausteine in die Tarife eingebracht. Man kann darüber streiten, was eine nachhaltige Wohngebäudeversicherung ist, da es weder eine DIN-Norm noch eine andere standardisierte Definition gibt. Aber wir erstatten beispielsweise geschädigten Eigentümern zusätzlich bis zu 50.000 Euro, wenn sie bei der Instandsetzung nachhaltige Materialien verwenden, also beispielsweise Holz statt Kunststoff. Der Aspekt „höhere Erstattung bei Verwendung nachhaltiger Materialien“ unterstützt den Nachhaltigkeitsgedanken. Aber natürlich stellt sich dabei immer die Frage, ob Kunden bereit sind, für dieses Versicherungsprodukt mehr Geld auszugeben.Eine aktuelle Umfrage zeigt, dass sie das offenbar eigentlich nicht sind. Zumindest 80 Prozent sagen, es darf nicht mehr kosten, nicht zuletzt, weil Standards fehlen. 

Neuhalfen: Eine DIN-Norm wäre in diesem Zusammenhang vermutlich sehr vorteilhaft. Das Problem in Deutschland ist jedoch, das dann wahrscheinlich wieder überreguliert wird, nach dem Motto, definiere Nachhaltigkeit, für welches Produkt, in welchem Umfeld. Das stelle ich mir sehr kompliziert vor. Was Uwe Schumacher sagt, kann ich nur in voller Form bestätigen. Energetische Sanierungsbausteine werden in die Produkte Einzug halten und selbstverständlicher werden. Problematisch ist sicher, dass es mal wieder nichts kosten darf, fünf bis zehn Prozent scheinen eine Schallmauer zu sein, die der Kunde bei dem Thema nicht durchbrechen will. Ich bin mal gespannt. Ich behaupte, die Hälfte der Kunden sagt: Nein, bei mir passiert sowieso nichts, und dann nehme ich lieber doch den preiswerteren Tarif. 

Schumacher: Das sagt die ungestützte Umfrage. Was das im konkreten Fall bedeutet, werden wir sehen. Nachhaltigkeit ist jedenfalls eine Entwicklung, die nicht umkehrbar ist. Und es ist gut, dass alle Marktteilnehmer dabei sind. Andernfalls wäre das nachteilig für die Wettbewerbsfähigkeit. Schließlich kostet die Nachhaltigkeit tatsächlich mehr als das bei herkömmlichen Tarifen der Fall wäre.  

Schmidt-Spaniol: Aus meiner Sicht fußt das Thema auf drei Säulen. Da sind zunächst die Prozesse, die Nachhaltigkeit sehr stark unterstützen, dann der digitale Prozess beim Thema Produkte und letzten Endes das Thema „Wie agiert das Unternehmen?“. Das Produktthema ist ein großer Schlüssel, da wird sich viel tun. Ich teile nur bedingt die Meinung, dass Produkte zwingend teurer sein müssen. Ich glaube, die Frage ist, welche Leistungen der Versicherer in die Produkte einbauen kann, ohne – und das wird die Kür sein – massive Preissteigerungen und dennoch mit einem Mehrwert für die Kundinnen und Kunden. Versicherer können in Zukunft auch eine Art Ökobonus anbieten, um einen neuen, auf Nachhaltigkeit fokussierten Kundenkreis anzusprechen. Schlussendlich müssen natürlich auch die Maklerinnen und Makler das Thema akzeptieren. Diese Zielgruppe muss von uns noch sehr viel stärker in den Fokus genommen und überzeugt werden. Wir haben registriert, dass sie das Thema Nachhaltigkeit, seit wir zertifiziert sind, bei uns sehr stark nachfragen. Und auch umgekehrt ziehen wir Maklerinnen und Makler zu Rate, wenn es um die Ausgestaltung von Produkten geht und darum, Nachhaltigkeit für die Kundinnen und Kunden erlebbar zu machen.

Die Stichworte, die uns alle derzeit bewegen sind Inflation, Krieg in Europa, unterbrochene Lieferketten, massive Schäden in 2021. Welche Folgen hat das auf die private Sachversicherung, auf die Prämienentwicklung?

Neuhalfen: Wenn man sich das Geschäftsjahr 2021 betrachtet und sich die Schadenlasten anschaut wird man feststellen, dass es teurer ist als geplant. Die genannten Stichworte tragen dazu bei, dass 2022 noch teurer werden wird. Wenn dem so ist, dann muss das in Summe aller Schäden durch die Prämien abgedeckt werden. Das ist leider eine Gesetzmäßigkeit. Faktisch bezahlen wir die Schäden wie sie heute entstehen mit Beiträgen von gestern. Wenn wir das Jahr 2021 und 2022 betrachten, wissen wir, dass auf den Bestandskunden – und das sind mehrere Millionen der Deutsche – eine erhebliche Mehrprämie zukommen wird. Es ist durchaus angemessen, dass das höhere Mehr an Ausgaben durch ein gewisses Mehr an Beiträgen zeitverzögert bezahlt wird. 

Schumacher: Ich kann das Gesagte nur mit größter Leidenschaft unterstützen. In früheren Jahren lagen die  Schadeninflationsquoten typischerweise zwischen einem halben Prozent und vielleicht dreieinhalb oder auch mal vier Prozent. Eine Beitragsanpassung in dieser Größenordnung würde aber bei weitem nicht ausreichen, weil beispielsweise Holz – ein wichtiger Rohstoff in der Wohngebäudeversicherungssparte – um 50 Prozent, teilweise sogar um mehr als 150 Prozent teurer geworden ist. Wir regulieren also jetzt jeden Monat Schäden, für die wir fast zehn Prozentpunkte mehr allein durch die Inflation bezahlen. Die haben wir – genau wie die anderen Unternehmen – in unseren Prämien gar nicht einkalkuliert. Diese zehn Punkte finanzieren wir sozusagen vor, was bedeutet, dass für uns jeder Schaden eigentlich ein Verlustgeschäft ist. 

Neuhalfen: Und das wird der eine oder andere auch in seiner Bilanz sehen, weil die Schäden teurer sind, als sie in den Beiträgen der Kunden kalkuliert wurden. 

Schumacher: Wir müssen also antizipieren, was an Inflation 2023 dazu kommt. Wenn sie mit zehn Prozent weiterläuft, würden selbst 15 Prozent Beitragserhöhung nicht ausreichen. Wir müssen bei der Festlegung künftiger Beiträge quasi vor die Welle kommen. 

Neuhalfen: Ich fürchte, wir werden dieses Delta, diese Delle mitschleppen, weil wir immer hinter der Welle herlaufen. Wir werden es nicht kompensieren können. Es wird Spuren in Bilanzen geben, beim einen mehr, beim anderen weniger. Damit wir eben weiterhin dauerhaft die Leistungsfähigkeit der Verträge und der Produkte sicherstellen können, ist es unverzichtbar, die Prämien nach oben anzupassen.  

Letzte Frage: Wo liegen für die Branche die größten Herausforderungen und wollen Sie künftig die Akzente setzen? 

Schmidt-Spaniol: Wir werden uns zum einen mit Kostendruck und zum anderen mit Nachhaltigkeit und einem speziell darauf abgestimmten Produktdesign beschäftigen müssen. Als Unternehmen müssen wir grundsätzlich in der Lage sein, schnell und möglichst effizient auf Veränderungen zu reagieren, ganz gleich, ob es sich um wettergetriebene Ursachen, geänderte Kundenbedürfnisse oder Inflationsthemen handelt.  

Schumacher: Themen wie Nachhaltigkeit oder Digitalisierung sehe ich nicht als Herausforderung im eigentlichen Sinne, sondern als Aspekte, an denen wir bereits arbeiten und dies auch weiterhin tun werden. Die größte Herausforderung derzeit ist die Inflation und alles, was daraus folgt: Höhere Baukosten, Mangel an Baustoffen, verhakte Lieferketten. Für all das sehe ich leider noch keine befriedigende Lösung.

Neuhalfen: Wir sind im Jahr 203 unseres Bestehens. Da ist schon einiges passiert. Aber bei allen Herausforderungen macht es durchaus Sinn, sich einen offenen Geist zu bewahren, Neues auszuprobieren und das, was funktioniert, fortzuführen. Als Maklerversicherer wird es für uns entscheidend sein, wie wir den Arbeitsalltag unserer Vermittler bestmöglich erleichtern können. Wir brauchen schlanke Prozesse, die trotzdem richtig und compliant sind. An vielen Stellen wird es deshalb eine Marktbereinigung geben und zu weniger Vermittlern und Versicherern führen. Aber die wirklich Guten werden auch in Zukunft ihren Markt haben und ihren Platz finden.  

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