Andrea Heistinger über Grundlagen der Selbstversorgung

Obst, Gemüse, Kräuter aus eigener Hand: Immer mehr Menschen finden Freude am Eigenanbau. Die Biogärtnerin Andrea Heistinger erklärt, warum Selbstversorgung zunehmend wichtiger wird – und gibt Tipps, wie sie sogar in der Großstadt gelingt

GEO WISSEN: Frau Heistinger, es gibt Dutzende Youtube-Videos, Podcasts und Blogs zum Gemüseanbau, eine “Tagesschau”-Sprecherin hat einen Bestseller über ihren Nutzgarten geschrieben. Warum ist Selbstversorgung wieder in Mode?

Andrea Heistinger: Ich denke, das hat auch mit der Coronapandemie zu tun. Die Menschen merken plötzlich, wie fragil unser Lebensmittelsystem ist, dass wir von internationalen Strukturen und Warenströmen abhängen, auf die wir keinen Einfluss haben und die zum Teil auf Ausbeutung basieren. Da liegt es nahe, dem durch Selbstanbau etwas entgegenzusetzen, ein Stück weit die Kontrolle über die eigene Versorgung zurückzugewinnen.

Dass wir all unser Gemüse im Supermarkt kaufen, ist ja geschichtlich ein eher neues Phänomen.

Global-historisch betrachtet, leben wir in der industrialisierten Welt in den letzten 50 Jahren in einer absoluten Ausnahmesituation. Nie zuvor mussten Menschen so wenig darüber wissen, wie Kulturpflanzen und Nutztiere heranwachsen. Wir werden satt, ohne uns mit der Frage auseinanderzusetzen, wie das Essen auf unsere Teller kommt. Früher wurden im Herbst noch große Erntedankfeste gefeiert, heute wissen viele Menschen gar nicht mehr, welches Obst und Gemüse zu welcher Jahreszeit wächst.

Andrea Heistinger sitzt auf einer Treppe

Andrea Heistinger ist Agrarwissenschaftlerin, Gärtnerin und Beraterin in St. Pölten, Österreich. Sie baut seit Jahren selbst Obst und Gemüse an

© Peter Rigaud

Aber mal ehrlich: Ein Kohlrabi kostet oft nur 50 Cent. Warum sollte ich den selbst anbauen?

Das kommt darauf an. Ich würde zwischen qualitativer und quantitativer Selbstversorgung unterscheiden: Die qualitative Selbstversorgung dient vor allem dem eigenen Wohlbefinden, ich komme durch den Anbau von Gemüse im Garten beziehungsweise auf dem Balkon wieder in Kontakt mit der Natur und damit auch mit mir selbst. Ich entwickle ein Gespür für gute Lebensmittel, für Sorten und Aromen.

Wer es selbst einmal probiert hat, weiß, wie befriedigend es sein kann, wenn aus einem winzigen Samenkorn eine große, kräftige Pflanze wächst, die auch noch intensiv schmeckt! Gerade dieses Unmittelbare, Sinnliche fehlt uns ja oft im hektischen Alltag. Da ist es dann auch egal, was ein Kohlrabi im Supermarkt kosten würde.

Und bei der quantitativen Selbstversorgung?

Da geht es wirklich darum, sich so weit wie möglich aus eigenem Anbau zu ernähren, hochwertige Lebensmittel zu erzeugen – und meist auch Geld zu sparen, indem die verfügbare Fläche optimal genutzt wird. Das ist natürlich zeitintensiv und wird mit steigenden Grundstückspreisen immer schwieriger.

Dabei wurden Nutzgärten für jedermann noch zu Anfang des 20. Jahrhunderts politisch gefördert.

Damals war es schlicht notwendig, dass gerade die ärmere Bevölkerung selbst anbaute. Ein 20 mal 60 Meter großes Grundstück etwa konnte eine fünfköpfige Familie mit Gemüse, Kartoffeln, Obst und Eiern versorgen – und noch ein Schwein und eine Ziege ernähren. Gedüngt wurde mit Kompost und den Abfällen von Mensch und Tier.

Doch mit Einführung der industriellen Massenproduktion und Supermärkte in den 1950er-Jahren wurden Lebensmittel immer günstiger und Selbstversorgung unattraktiv. Wer noch eigenes Gemüse zog, galt bald als rückschrittlich. Und es fehlte auch die Zeit dafür. Immer mehr Frauen gingen einer Lohnarbeit nach, die Kinder verbrachten ihre Freizeit anders, halfen nicht mehr mit.

Wie viel Selbstversorgung ist heutzutage noch realistisch?

Wenn man nur Gemüse und Kräuter betrachtet, sind es bei einer Person, die auf dem Balkon gärtnert, vielleicht zwei Prozent. Bei einer großen Dachterrasse mit Südausrichtung und sehr viel Erfahrung sind sogar bis zu 20 Prozent möglich – und das mitten in der Stadt. Wer das Glück hat, über einen riesigen Garten und ausreichend Zeit zu verfügen, kann theoretisch sogar bis zu 100 Prozent seines Obst- und Gemüsebedarfs selbst decken, sogar bei einer rein vegetarischen, also pflanzenbetonten Ernährungsweise; und dazu noch Hühner, Bienen oder Ziegen halten.

Ernährungsverbände raten, 180 Kilogramm Gemüse, 60 Kilogramm Kartoffeln und 110 Kilogramm Obst und Nüsse pro Jahr zu essen. Wie groß müsste der Garten dafür sein?

Ein Grundstück, das biologisch bewirtschaftet wird, wirft im Schnitt rund drei Kilogramm Gemüse, zwei Kilo Kartoffeln und fast eineinhalb Kilo Obst und Nüsse pro Quadratmeter ab. Das macht pro Person eine Fläche von 170 Quadratmetern. Um 200 bis 300 Quadratmeter zu bewirtschaften, brauchen erfahrene Selbstversorgungs-Gärtnerinnen im Durchschnitt ungefähr zwei Stunden am Tag, inklusive Haltbarmachung und Lagerpflege im Winter.

Andrea Heistinger im Privatgarten bei Melk

Ein großer Garten, sagt Heistinger, kann eine Person komplett mit Obst und Gemüse versorgen. Aufwand: etwa zwei Stunden pro Tag

© Peter Rigaud

Allerdings sind da Pflanzenöle, Eier, Honig, Milchprodukte, Fleisch, Getreide, Linsen und Soja noch nicht inbegriffen. Das käme bei kompletter Selbstversorgung noch obendrauf.

Bedeutet weitgehende Selbstversorgung, sich irgendwo im Niemandsland einen großen Bauernhof zu kaufen und dort abgeschieden von der Zivilisation zu leben?

Nein, das ist ein romantischer Mythos! Selbstversorgung war stets in kollektive, dörfliche Strukturen eingebunden. Die Menschen haben sich gegenseitig ausgeholfen, Wissen, Geräte, Samen und Erntegut getauscht. Ich kann nur davor warnen, sich ohne soziales Netzwerk und Vorerfahrung in die Subsistenz zu stürzen.

Ich habe beispielsweise schon häufig erlebt, dass junge Paare Familiengründung und Selbstversorgung in einem Schritt angingen und sich völlig überforderten. Gerade in der Stadt gibt es aber großartige Möglichkeiten, auch jenseits eines eigenen Grundstücks Gemüseanbau zu betreiben und erst mal Erfahrungen zu sammeln.

Welche zum Beispiel?

Sie können sich um eine günstige Parzelle in einem Kleingarten bewerben. Manche Biohöfe vermieten kleinere Felder am Stadtrand zum Selbstanbau. Vielleicht gibt es in Ihrem Stadtteil sogar einen Gemeinschaftsgarten, der von vielen Menschen zusammen bewirtschaftet wird; oder eine Solidarische Landwirtschaft, bei der sich die Beteiligten Kosten und Ernte eines bäuerlichen Betriebs teilen und nur gelegentlich selbst auf dem Feld aushelfen.

Eine solche Gemeinschaft erleichtert den Einstieg in den Anbau ungemein. Die Betreffenden müssen sich dann nicht alles selbst aneignen und profitieren im Idealfall von der Planung und Anleitung einer professionellen Gartenkraft. Und an immer mehr Orten entstehen kleine Marktgärtnereien, die nach genossenschafts-ähnlichen Prinzipien funktionieren.

Ein Gemeinschaftsprojekt erfordert aber auch eine Menge Abstimmungsbedarf und Mitverantwortung. Das liegt nicht allen.

Je nach Modell gilt es in der Tat, sehr viel sozial zu organisieren. Es gibt Verbindlichkeiten, die Arbeit wird genau aufgeteilt: Jemand muss säen, gießen, Kompost ausbringen und zu einer bestimmten Zeit das Unkraut zwischen den Möhren jäten, sonst leidet die Ernte.

Weinreben

Das Gärtnern in Eigenregie eröffnet oft eine riesige Fülle an Möglichkeiten: Warum nicht Reben anpflanzen und selbst Wein herstellen?

© Peter Rigaud

Diese Verantwortung für das Gemeinwohl müssen wir in unserer urbanen, fragmentierten Gesellschaft oft erst wieder neu lernen. Aber in den Projekten, die ich bislang betreute, habe ich immer wieder die Erfahrung gemacht: Es macht Spaß und es lohnt sich! Auch Landwirtinnen und Landwirte können davon profitieren.

Inwiefern?

Wenn nur alle paar Tage ein paar Freiwillige an den Stadtrand fahren, um dort auf einem solidarisch bewirtschafteten Feld Unkraut zu jäten, entsteht Kontakt zu den Ansässigen, belebt das die Strukturen vor Ort, werden Produktionsbedingungen sichtbar, wächst Respekt vor der Leistung der Bauersleute. Vereinsamung auf dem Land und fehlende Anerkennung sind neben Optimierungsdruck und Verschuldung ein Riesenproblem.

Es gibt sowieso immer weniger Betriebe. Viele geben ihre Höfe auf oder finden keine Erben.

Deshalb ist es wichtig, gut ausgebildete Jungbäuerinnen und -bauern in der Region zu unterstützen, etwa indem man in eine Bürgeraktiengesellschaft wie eine Regionalwert AG investiert, die ihnen finanziell bei der Gründung hilft. Auch diese Form der Daseinsvorsorge zählt für mich im weitesten Sinne zur Selbstversorgung. Weil sie sicherstellt, dass der Ort, an dem meine Lebensmittel wachsen, eine Zukunft hat.

Sollten wir Empfindliches wie Salat nicht ohnehin selbst anbauen? Schließlich verbraucht die Erzeugung Unmengen Wasser, und er beginnt sofort nach dem Ernten zu welken.

Hat man den Platz, ist das sinnvoll, weil man wirklich frisch ernten kann. Das reduziert meiner Erfahrung nach auch die Verschwendung von Salat, der im Supermarkt oder Kühlschrank verwelkt. Mehr noch als Salat würde ich Kräuter empfehlen. Neben den klassischen Gewürzkräutern Rosmarin, Salbei, Basilikum, Thymian sind das die mehrjährigen Teekräuter Minze, Monarde, Zitronenverbene oder Anis-Ysop. Sie gedeihen auch im Balkonkasten, und ich kann sie laufend beernten.

Welches Gemüse eignet sich besonders gut für den Eigenanbau?

Generell rate ich, zu Anfang nicht mehr als acht bis zehn unterschiedliche Gemüsearten auszuprobieren und maximal zehn Quadratmeter zu bewirtschaften. Das lässt sich dann von Jahr zu Jahr steigern. Tolle Anfängergemüse, die sich sowohl für Garten als auch Balkon eignen, sind Schnittsalate, Rucola, Asia-Salate, Spinat, Bohnen, Erbsen, Radieschen oder Mangold. Bis vor ein paar Jahren auch Tomaten, inzwischen werden sie aber immer öfter von der Kraut- und Braunfäule befallen – damit endet im August die Ernte oft ganz abrupt.

Und was ist am ertragreichsten?

Karotten, Zucchini und Stangenbohnen liefern den höchsten Ertrag. Aber das sollte nicht die Hauptfrage sein. Schließlich möchte niemand wochenlang nur Zucchini essen. Wichtiger ist, wie man es schafft, auf demselben Stück Boden mehrmals zu ernten. Etwa indem ich im Frühling Spinat, im Sommer, wenn der Spinat abgeerntet ist, vorgezogene Tomaten und nach der letzten Tomatenernte im Herbst Wintersalat anbaue.

Mit einem Gewächshaus oder einem kleinen Folientunnel lässt sich die Erntezeit sogar noch strecken. Wer sich ein bisschen mit Mischkultur und Fruchtfolgen beschäftigt, kann aus dem Boden viel mehr rausholen und ihn gleichzeitig vital erhalten. Profis säen zeitlich versetzt – um zu verhindern, dass alles auf einmal reift. Und natürlich ist für den Erfolg entscheidend, welches Saatgut ich verwende.

Ist samenfestes Saatgut besser als hybrides? Und was ist überhaupt der Unterschied?

Hybridsaatgut, F1-Saatgut genannt, wird hauptsächlich von internationalen Saatgutkonzernen für den professionellen Anbau produziert – ist aber auch in vielen Portionstüten für Hausgärten enthalten. Es entsteht aus der Kreuzung verschiedener Inzuchtlinien. Durch deren kombinierte Eigenschaften sehen die Nachkommen der ersten Generation alle sehr ähnlich aus. Ein hybrider Brokkoli bildet zum Beispiel eine feste, große Rosette, die sich gut verpacken und transportieren lässt. Außerdem reifen alle Köpfe zuverlässig zur selben Zeit.

Schwalbenschwanz-Raupe

Ökologisches Gärtnern trägt zum Insektenschutz bei (hier eine Schwalbenschwanz-Raupe)

© Peter Rigaud

Für den Privatgebrauch kann jedoch der butterweiche Strunk mancher samenfesten Sorte viel reizvoller sein, und eine gleichzeitige Reifung aller Pflanzen wäre alles andere als vorteilhaft. Außerdem bleiben die Eigenschaften samenfester Pflanzen über Generationen stabil, ich kann also eigenes Saatgut gewinnen, was für die Selbstversorgung unerlässlich ist.

Von Hybridpflanzen lassen sich zwar auch Samen sammeln, aber die Gewächse, die daraus entstehen, sozusagen die Enkel der Inzuchtlinien, sind oft unbrauchbar, viele sind sogar steril. Hybridsorten sind also Einmalsorten. Sie bergen kein Potenzial für die Weiterentwicklung der Kulturpflanzenvielfalt. Das ist jedoch die Basis einer nachhaltigen, weil langfristigen Ernährungssicherheit.

In Deutschland kultivieren Organisationen wie Bingenheimer oder Dreschflegel samenfeste Obst- und Gemüsesorten weiter und bieten sie für den Hobbygartenbau an. Warum ist das so wichtig?

Alte Sorten bergen oft Eigenschaften, die uns gerade in Zeiten des Klimawandels helfen können. Manche sind etwa toleranter gegenüber Trockenheit oder resistent gegen Krankheiten. Wildtomaten zum Beispiel, die murmelgroße Früchte bilden, sind deutlich robuster, ich muss sie weder ausgeizen, also Seitentriebe herausschneiden, noch hochbinden oder intensiv düngen.

Und natürlich ist da noch die riesige Farb-, Formen- und Geschmacksvielfalt alter Sorten, die sich in keinem Supermarkt findet. Es gibt etwa süßliche, herzhafte, mehlige, saftige, getigerte, gelbe oder birnenförmige Tomaten. Und indem wir samenfestes Saatgut kaufen, sichern wir Biobetrieben, die diese alten Sorten weiterzüchten, die Existenz.

Sie selbst sind 1998 durch Gespräche mit über 70-jährigen Südtiroler Bäuerinnen auf die Bedeutung alter Sorten aufmerksam geworden. Was hat Sie daran beeindruckt?

Da ist mir zum ersten Mal klar geworden, dass es viele Sorten nur deshalb noch gibt, weil einzelne Menschen, meist Selbstversorger, diese im Alleingang über Jahrzehnte kultivierten, wie es eben diese Bäuerinnen taten. Die haben mir beispielsweise erzählt, warum ihnen “ihre” Bohne so wichtig ist, dass sie sie jedes Jahr wieder sorgfältig ernten, auf einem großen Teller in der Stube trocken und aufbewahren. Etwa weil sie auch im Berggebiet noch sicher abreift und daher einen Ertrag bilden kann.

Die Nachbarschaft lästerte dann oft: Die ist sogar zu geizig, sich neues Saatgut zu kaufen. Heute beklagen wir die Abhängigkeit von großen Saatgutkonzernen und sind froh, dass es Menschen gab, die die alten Sorten bewahrten.

Und wie gewinne ich mein eigenes Saatgut?

Bei Rucola zum Beispiel ist das ganz einfach: Ich lasse ihn blühen und warte, bis sich reife Samenschoten gebildet haben. Die kann ich in einen Stoffsack stecken, aufhängen, trocknen lassen und dann so lange draufklopfen, bis sich die kugelförmigen Samen herauslösen. Anschließend die Samen durch ein Sieb von den Schoten trennen und neu aussäen.

Himbeere in einer Hand

Himbeeren lassen sich auch auf dem Balkon kultivieren. Die vielen Sorten unterscheiden sich im Geschmack und liefern Erträge von Sommer bis Herbst

© Peter Rigaud

Auch von Spinat, Tomaten und Paprika lässt sich hervorragend Saatgut gewinnen. Die Samen kann ich sogar mit anderen tauschen, in vielen Städten und im Internet gibt es selbst organisierte Tauschbörsen.

Neben der Saatgutqualität ist die Erde entscheidend. Was ist von Messungen für die Bodenqualität zu halten?

Ist der Garten neu, würde ich tatsächlich empfehlen, eine Bodenanalyse zu machen. Nur dann weiß ich, wie der Boden beschaffen ist. Ist zum Beispiel der pH-Wert niedrig, muss ich kalken. Zudem sind viele Gartenböden bereits mit Stickstoff, Phosphor oder Kalium überversorgt. Auch lässt sich nur so feststellen, ob die Erde womöglich durch Straßennähe oder frühere Industrieanlagen mit Schwermetallen belastet ist. In dem Fall bleibt leider nur, alles in Töpfen anzubauen.

Welche Erde eignet sich dafür am besten?

Für den Anbau in Gefäßen sollte es hochwertige Kübelerde sein, die für ökologischen Anbau zertifiziert ist und einen großen Anteil Bims, Ziegel – oder Lavasplit aufweist. Das ist wichtig, damit die Erde gut durchlüftet wird und stabil bleibt.

Billige Erde schrumpft nach zwei Monaten zusammen, weil der organische Anteil sich zersetzt. Dadurch können sich die Wurzeln nicht optimal entwickeln, und ohne gute Drainage, etwa durch Blähton im Topfboden, bildet sich schnell Fäulnis. Bestenfalls sollte die Erde frei von Torf sein, für den oft ökologisch wertvolle Hochmoore zerstört werden.

Viele scheitern am Düngen. Was gilt es zu beachten?

Handelsübliche Erden sind normalerweise perfekt auf den Bedarf von Nutzpflanzen abgestimmt, sodass im ersten Jahr alles wunderbar wächst. Hier müssen nur Starkzehrer wie Kürbis oder Tomate im Juli erneut gedüngt werden. Auch ein guter Gartenboden braucht eine jährliche Düngergabe. Das erfordert etwas Know-how, und hier sollten wir nicht im Kleinen die Fehler der konventionellen Landwirtschaft wiederholen.

Welche zum Beispiel?

Im konventionellen Anbau kommen oft mineralische Dünger wie Blaukorn zum Einsatz. Das wird unter hohem Energieaufwand hergestellt und die darin enthaltenen Düngesalze verätzen das Bodenleben. Anschließend fahren schwere Maschinen über den Acker und pressen den lebenswichtigen Sauerstoff heraus. Die Folge: Die Vielfalt der Mikroorganismen, Würmer und Insekten nimmt ab, der Boden verdichtet, versalzt und verarmt.

Ein lebendiges Bodenleben ist aber essenziell, weil es das Erdreich durchlüftet, das dadurch Wasser – zum Beispiel nach einem Starkregen – viel besser speichern kann, abgestorbene Pflanzenteile abbaut und Mineralien löst und an die Pflanzen weitergibt. In einer Handvoll Erde befinden sich normalerweise mehr Mikroorganismen als Menschen auf dem Planeten. Um sie zu schützen, sind im Biolandbau mineralische Dünger verboten.

Was nimmt man stattdessen? Hühnermist?

Hühnermist ist eine Möglichkeit, aber nur im Garten praktikabel – und auch nur, wenn dieser gemeinsam mit den anderen Gartenabfällen kompostiert wird. Andere organische Dünger wie Kompost, getrocknete Pferdemistpellets, Schafwolle oder Humus aus einer platzsparenden Wurmkiste eignen sich genauso gut. Von Hornspänen und Guano rate ich dagegen ab, weil sie oft unter fragwürdigen Bedingungen gewonnen werden.

Ein guter biologischer Dünger sorgt zudem dafür, dass die Humusschicht Jahr für Jahr wächst, und auf diese Weise das Treibhausgas CO2 im Boden gebunden wird – wir beginnen gerade erst, das gigantische Potenzial dieses Speichereffekts im Hinblick auf den Klimawandel zu verstehen.

Oft heißt es: Ernähre nicht die Pflanze, sondern den Boden.

Das ist tatsächlich ein wichtiger Grundsatz des ökologischen Landbaus. Denn: Geht es dem Boden gut, gedeihen die Pflanzen. Mulch, etwa getrockneter Rasenschnitt, auf den Beeten erfüllt gleich zwei Funktionen: Er nährt das Bodenleben und schützt zugleich vor Hitze, Austrocknung und Erosion. Dadurch muss ich auch viel weniger gießen.

Die Erde sollte nie nackt daliegen, außer im zeitigen Frühjahr, damit die Sonne sie erwärmen kann. Wenn ich doch mal eine Brachfläche habe, kann ich auch eine Gründüngung wie Phazelie pflanzen und anschließend in den Boden einarbeiten.

Saatgut, Dünger, Bodenpflege: Manchmal scheint es, als könnte man mehr falsch machen als richtig.

Man kann zwar sehr viel falsch machen, aber das Schöne ist, dass trotzdem fast immer etwas wächst. Die Unterschiede zeigen sich vor allem im Ertrag. Während Neulinge vielleicht nur ein Kilo Tomaten ernten, sind es bei Fortgeschrittenen zehn. Es lohnt sich also, einfach anzufangen. Und genau zu beobachten, sich auch Notizen in einem Gartentagebuch zu machen, um direkt von den Pflanzen zu lernen.

Wie lange dauert es, bis ich in der Lage bin, mich selbst zu versorgen?

Nach etwa fünf Jahren weiß man, was man tut. Nach 30 Jahren ist man Selbstversorgerprofi und holt das Maximum aus der Fläche heraus. Durch zunehmende Routine steigen die Erträge von Jahr zu Jahr, und der Aufwand sinkt im Laufe der Zeit auf etwa ein Drittel. Übrigens: Auch der Boden braucht an die 30 Jahre und viel Kompost, bis er richtig gut wird. Der wächst sozusagen mit uns mit.

Andrea Heistinger, Jahrgang 1974, hat mehrere Ratgeber zum Bioanbau (Löwenzahn-Verlag) geschrieben, im Februar erschien ihr E-Book “Sorgsame Landwirtschaft” (transcript-Verlag). Sie war zudem viele Jahre im Vorstand des Vereins Arche Noah, der sich für den Erhalt der Kulturpflanzenvielfalt einsetzt.

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