Interview: Ärztin Orfanos-Boeckel: „Mit Nährstoffen kann ich helfen“


Die Ärztin Helena Orfanos-Boeckel hat ein Buch über Nährstoff- und Hormontherapie geschrieben. Sie sagt, dass in Deutschland zu viel von gesunder Ernährung allein erwartet wird.

Frau Dr. Orfanos-Boeckel, wie sind Sie dazu gekommen, ein Buch über „Nährstoff-Therapie“ zu schreiben?

Helena Orfanos-Boeckel: Das war ein Prozess von vier, fünf Jahren, in denen mein Wunsch immer größer wurde, anderen Menschen das Wissen weiterzugeben, welches ich mir in meiner internistisch-nephrologischen Erfahrung und Beobachtung über Jahre angeeignet habe. Mir ist bewusst geworden, dass das Wissen über Nährstoff- und Hormontherapie und die Labordiagnostik, die dafür notwendig ist, bei meinen Kolleginnen und Kollegen nicht in diesem Umfang da ist. Gleichzeitig gibt es aber ein sehr großes öffentliches Interesse an der Einnahme von Nährstoffen und Hormonen.

Was ist neu an Ihrem medizinischen Ansatz?

Orfanos-Boeckel: Neu ist die Idee, mit Nährstoffen und Hormonen das Stoffwechselsystem nach eingehender Labordiagnostik individuell so einzustellen, dass es gesünder funktioniert im Sinne von mehr Robustheit gegenüber Stress, Genetik und Alterung. Die Zutaten für diese Idee sind aber nicht neu. Man weiß seit mehr als 100 Jahren, dass unsere Nahrung lebenswichtige Nährstoffe, wie Vitamine, Mineralien, Aminosäuren und essenzielle Fettsäuren enthält. Sie werden von vielen interessierten Laien und Sportlern schon genutzt, und das Interesse daran ist seit Jahrzehnten groß. Auch die Labordiagnostik ist da, das heißt, man kann sehr viele Parameter im Blut bestimmen, nur werden einige davon meist nur zur Ausschlussdiagnostik genutzt. Ich lese das Labor aber anders aus, nämlich funktioneller und präventiver, und ich beginne schon bei kleinen Stoffwechselstörungen, mit Nährstoffen und Hormonen gegenzuarbeiten, ergänzend zum gesunden Verhalten.

Dr. Helena Orfanos-Boeckel hat ein Buch über Nährstofftherapie geschrieben.

Foto: Orfanos-Boeckel

Könnten Sie das noch einmal näher beschreiben?

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Orfanos-Boeckel: Bei mir sind Nährstoff-Spiegel im Blut etwas, das man so wie Bluthochdruck gesund einstellen kann, ähnlich wie wir das auch in der Inneren Medizin bei kardiovaskulären Risikofaktoren für Gefäßschutz machen. Man misst und nimmt Blut ab, stellt fest, ob Stoffwechsel-Parameter krankhaft erhöht sind, wie zum Beispiel das LDL-Cholesterin oder der Langzeit-Zuckerwert HbA1c. Dann gibt man Empfehlungen, was über das Verhalten verbessert werden kann, wie gesunde Ernährung, Sport und vielleicht auch gesunden Schlaf oder Entspannung. Wenn das alles nicht reicht, dann nutzt man als nächsten Schritt körperfremde pharmakologische Medikamente, um diese zu hohen Werte zu senken, und stellt als Beispiel den Blutdruck auf Werte von 120 zu 80 ein. Genau diese Vorgehensweise ist auch mit Nährstoffen möglich. Für alle Nährstoffe gibt es einen therapeutischen Zielbereich im Blut, den es sich für gesundes Funktionieren und Vermeiden von Krankwerden lohnt zu erreichen.

In Ihrem Buch führen Sie ein Konzept unter dem Begriff „IBSE“ ein, könnten Sie das erklären?

Orfanos-Boeckel: Ich arbeite 30 Jahre als Ärztin, zuerst zehn Jahre in der Uniklinik in der Inneren Medizin mit Schwerpunkt Nephrologie. Dann habe ich vor 20 Jahren eine hausärztliche Kassenpraxis übernommen, die ich über die Jahre in eine ganzheitlich internistische Praxis weiterentwickelt habe. Während die Patienten in den ersten zehn Jahren in der Klinik schwer chronisch, meist nierenkrank waren, wurden die Menschen, die mich in der Praxis aufgesuchten, im Laufe der Zeit immer gesünder. Vor allem in den letzten zehn Jahren ist mir mehr und mehr aufgefallen, dass viele sich sehr gesund verhaltende 40- bis 50-jährige Frauen trotzdem Probleme mit ihrem Befinden hatten. Sie haben Sport gemacht, Yoga, waren psychotherapeutisch stabilisiert, haben sich gesund ernährt, und trotzdem haben sie sich in ihren Körpern nicht so gut gefühlt, wie das zu erwarten gewesen wäre, ohne dass es dafür eine organische Diagnose gab. Ich habe das unter der Überschrift „zu empfindlich“ zusammengefasst. Daraus habe ich als Ort, wo die Nährstoff- und Hormontherapie im Körper wirkt, den Begriff „Individuelle Biochemische Stoffwechsel-Empfindlichkeit“, kurz IBSE, entwickelt. Normalerweise würde man die Ursache dieser Empfindlichkeit der Psyche und damit den Umständen zuschreiben. Meine Beobachtung war aber eine andere: Ich konnte dieser Empfindlichkeit etwas Stoffliches zuordnen, eine Unordnung im Stoffwechselsystem mit einer zu hohen IBSE, geprägt von niedrigen Nährstoffspiegeln und vor allem hormonellen Dysbalancen.

Was haben Sie da gefunden?

Orfanos-Boeckel: Ich habe im Lauf der letzten 20 Jahre festgestellt, dass sich chronische Stoffwechselerkrankungen, auch bei Menschen, die sich optimal gesund verhalten, nicht sicher vermeiden lassen. Jede und jeder von uns ist endlich – und auf diesem Lebensweg verändert sich der Körper je nach Genetik und Epigenetik. Ja, durch gesundes Verhalten können wir unseren Alterungsprozess günstig beeinflussen, aber auch gesund Lebende können im Rahmen der Alterung eine chronische Erkrankung wie zum Beispiel Osteoporose bekommen. Natürlich spielen da auch genetische Faktoren eine Rolle. Aber auch das Stoffwechsel-System scheint ergänzend einen wichtigen positiven oder negativen Einfluss zu haben. Je höher die IBSE, desto mehr gibt es Wahrscheinlichkeit für Entzündung, desto schlechter, müder und anfälliger fühlen sich die Menschen – und der Verlauf der chronischen Erkrankung verläuft eher ungünstig.

Und was passiert, wenn Sie die Nährstoffwerte richtig einstellen?

Orfanos-Boeckel: Wenn Nährstoffe auf therapeutische Zielwerte eingestellt werden und ergänzend dazu körpereigene Hormone genutzt werden, um die Stoffwechselregulation zu unterstützen, hat das im Befinden der Frauen einen Riesenunterschied gemacht. Symptome wie Schlafstörungen, Erschöpfung, Gelenkschmerzen, Bauchschmerzen, Stimmungsschwankungen, Ängste und Infektanfälligkeit lassen sich gut behandeln. Nährstoff- und Hormontherapie hilft, das Stoffwechsel-System kurativ und präventiv Alterung und Stress gegenüber zu unterstützen.

Die Einnahme von Nährstoffen hat in Deutschland einen schlechten Ruf. Es gibt die Angst, dass zu viel schädlich sei. Wie nehmen Sie diese Angst?

Orfanos-Boeckel: Sie haben recht, der Ruf von Nährstoffen, wie Vitaminen und Mineralien ist in Deutschland schlecht. Aber meine Beobachtung und Erfahrung ist einfach genau eine andere. Das hat mich selbst erstaunt. Das sind sehr interessante dem Körper biochemisch bekannte Substanzen, die man über eine gesunde Ernährung hinaus für eine gesunde Stoffwechselfunktion der Zellen nutzen kann. Und ich kann auch erklären, woher die Ängste kommen.

Bitte.

Orfanos-Boeckel: Bei den Nährstoffen ist es so, dass die Referenzwerte der statistischen Versorgung in der Bevölkerung entsprechen. Das heißt: Hat die Bevölkerung einen Vitamin D-, Jod- oder Selenmangel, dann schlägt sich das auch so in den Referenz- oder Normwerten nieder, die sind dann niedrig. Therapeutische Zielwerte liegen in der Nährstoff-Therapie deswegen meist am oberen Rand oder auch über dem Rand der Normwerte. Das führt dazu, dass man als Laie schnell denkt, dass das schädlich sei. Denn, alle, auch die Ärzteschaft sind daran gewöhnt, dass es bei den bekannten Krankwerten wie Leber- oder Nierenwerten gesund ist, wenn man in der Referenz ist – und krank, wenn der Wert außerhalb der Referenz liegt. Bei den Krankwerten ist das so, aber bei Nährstoffen nicht. Da ist es gesund, wenn man satt versorgt ist. Ein weiterer Grund für die Angst vor den Nährstoffen sind die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Sie hat Mengen festgelegt, die wir aus der Nahrung brauchen, um nicht an einer Vitaminmangel-Krankheit zu sterben. Bei Vitamin C sind das circa 60 bis 80 Milligramm am Tag. Diese Empfehlungen haben mit Nährstoff-Medizin aber nichts zu tun. Für manche ist es deswegen erschreckend hoch, wenn ich 3000 oder 4000 Milligramm Vitamin C über den Tag verteilt einsetze. Genauso ist das auch mit Vitamin B12, Kalzium oder Selen. Die Empfehlungen sollen die Ernährungsinhalte bezüglich ihrer Lebensmittelqualität kontrollieren und sagen nichts aus über eine sinnvolle Anwendung in der Medizin. Dieser Unterschied wird bisher nicht wirklich verstanden.

Mit Ernährung allein ist es nicht so leicht möglich, den Stoffwechsel, wenn er aus den Fugen geraten ist, wieder in Ordnung zu bringen?

Orfanos-Boeckel: Der Anspruch, den heute viele in Deutschland an die Ernährung stellen, ist übertrieben und zu hoch. Erstens ist nicht alles, was ich als Ärztin therapeutisch erreichen will, über eine gesunde Ernährung zu lösen, das ist zu unspezifisch, zu allgemein, zu schwach. Osteoporose ist bei entsprechender genetischer Veranlagung nicht über Ernährung zu vermeiden oder zu behandeln, erst recht nicht, wenn der Mensch alt wird und seinen normalen Hormonmangel erlebt. Natürlich kann ein gesundes Verhalten mit Kraftsport und proteinreicher Ernährung den Verlauf einer Osteoporose günstig beeinflussen. Aber damit komme ich zum zweiten Punkt. Es hat nicht jede und jeder die Möglichkeit, sich perfekt gesund zu verhalten. Gesundes Verhalten ist aufwendig, man braucht Bildung, Geld und Zeit, das bringt nicht jeder mit. Mit Nährstoffen kann ich, unabhängig von dem, was der Mensch macht, denkt und tut, helfen, so wie man das mit Medikamenten auch kann. Ich kann mit Vitamin C im Körper helfen, dass nicht jeder Infekt ein Rieseninfekt wird. Allein Vitamin C, Zink, Selen und Vitamin D wären schon eine wunderbare Viererkombination. Wenn man dann noch wüsste, welche Dosis man genau braucht, um therapeutisch gut eingestellt zu sein, würde ich behaupten, dass mehr als ein Infekt im Winter nicht sein muss.

Nährstofftherapie bedeutet, dass sie begleitet wird durch regelmäßige Labormessungen. Das ist aber ein Bereich der Medizin, den Patienten selbst bezahlen müssen.

Orfanos-Boeckel: Das stimmt. Ein Großteil der Nährstoff-Therapie wird von den Kassen nicht unterstützt, weil sie nicht Teil der Leitlinien und Teil der akademischen Lehre ist. Aber wenn man Nährstoff- und auch Hormontherapie gut machen möchte, ist es effektiver, wirkungsvoller und sicherer, wenn man die Therapie durch Labordiagnostik begleitet. Wenn man medizinisch Erfolg haben will, hängt dieser maßgeblich davon ab, ob im Blut therapeutische Zielwerte erreicht werden. Nur dann sinken Krankwerte. Die Nährstoff-Dosis eines jeden Einzelnen ist individuell, unter anderem auch genetisch bedingt, sehr verschieden.

An wen kann man sich für eine ärztlich begleitete Nährstoff-Therapie wenden?

Orfanos-Boeckel: An Ärztinnen und Ärzte und andere Therapeuten, die angeben, orthomolekulare Medizin, bioidentische Hormontherapie oder funktionelle Medizin zu praktizieren. Die meisten sind wahrscheinlich in Privatpraxen. Mit meinem Buch könnte man auch allein, ohne Arzt, ins Labor gehen und sich Laborwerte „kaufen“. In meinem Buch erkläre ich genau, was man im Labor zur Überprüfung der Einstellung bei den einzelnen Nährstoffen mitmachen kann und muss. Hormontherapie ohne ärztliche Begleitung ist schwierig, geht nicht. Aber ich habe zu jedem Nährstoff den Zielwert genannt, der sicher und wirksam ist. Wenn man da in die Nähe käme, wäre der Stoff unter der entsprechenden Therapie schon viel besser eingestellt.

Aber man darf sich keine Hoffnungen machen, zu Ihnen in die Praxis kommen zu können. Ich habe auf Ihrer Homepage nachgesehen.

Orfanos-Boeckel: Tatsächlich habe ich eine kleine Einzelpraxis und schaffe es nicht, noch mehr neue Patientinnen und Patienten aufzunehmen. Ich suche tatsächlich Unterstützung. Meine Idee ist, dass bis dahin die interessierten Leserinnen und Leser mit meinem Buch ihre Ärzte für diese Herangehensweise mehr und mehr begeistern. Der Bedarf ist da, die Menschen sind interessiert und bereit. Es fehlt jetzt an Kolleginnen und Kollegen, die mithelfen, über eine individuelle Nährstoff- und Hormontherapie mit robuster IBSE Gesundheit zu gestalten.

Zitat aus dem Buch „Nährstofftherapie“ 

„Es gibt neben der Genetik, unserem gesunden oder nicht gesunden Verhalten und der Umwelt (Epigenetik) ein wichtiges körperliches Puzzlestück, das bisher in der Medizin noch nicht als ‚Quelle‘ für Gesundheit betrachtet wird. Ich nenne es unsere ‚Individuelle Biochemische-Stoffwechselempfindlichkeit‘. Sie ist die Schaltstelle für unsere Stoffwechselfunktion. Ist unsere ‚Ibse‘ robust, können wir besser mit Stress, Alter oder Infekten umgehen, ist sie empfindlich, fühlen wir uns nicht wohl, auch wenn die Organebene noch okay ist.“

Dr. Helena Orfanos-Boeckel: Nährstofftherapie. Orthomolekulare Medizin & Bioidentische Hormone: Mangel ausgleichen, Beschwerden lindern, Alterungsprozesse aufhalten, Trias Verlag, 352 Seiten, 24,99 Euro

Zur Person

Helena Orfanos-Boeckel ist Ärztin für ganzheitliche Innere Medizin und Expertin auf dem Gebiet körpereigener Nährstoffe und Hormone.

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